Abstract / Summary
Der vorliegende Beitrag vertieft und erweitert bestehende psychotherapeutische Zugänge bei Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Im Zentrum stehen Interventionen, die darauf abzielen, die Erholungsdynamik des autonomen Nervensystems (ANS) nach Belastungsreizen zu modulieren. Autonome Dysfunktionen sind ein häufiges Merkmal von ME/CFS. Studien zeigen im Vergleich zu Kontrollgruppen nicht nur erhöhte orthostatische Beschwerden und signifikante Veränderungen kardiovaskulärer Parameter, sondern auch autonome Dysfunktionen in unterschiedlichen Organsystemen. Darüber hinaus wurde eine reduzierte parasympathische Reaktivität nach Belastung nachgewiesen. Da klassische psychotherapeutische Ansätze, die ME/CFS primär als psychosoziale Stressreaktion interpretieren, von vielen Betroffenen als belastend erlebt wurden, bedarf es zwingend Anpassungen unter Berücksichtigung der pathophysiologischen Belastungsintoleranz. Bereits in einer früheren Publikation hat die Autorin erste Ansätze hierzu skizziert. Angesichts der aktuellen Forschungslage rückt sie die prolongierte autonome Anpassungsphase nach Belastung in den Vordergrund, die möglicherweise zur Persistenz von Fatigue und der Post-Exertional Malaise (PEM) beiträgt. PEM ist definiert als eine systemische Symptomverschlechterung nach Belastung, die oft zeitverzögert auftritt. Interventionen zur Reduktion der sympathischen Aktivierung werden vorgeschlagen. Es ist denkbar, dass eine gezielte psychotherapeutische Unterstützung bei der Regulation des ANS dazu beitragen könnte, die Erholungsprozesse nach Belastung und nach PEM zu verbessern. Das Therapieziel verlagert sich dabei von der Leistungssteigerung zur Verbesserung der parasympathischen Regenerationsfähigkeit. Bislang existieren keine empirischen Untersuchungen zu einem solchen psychotherapeutischen Zugang bei ME/CFS.